Der Mythos vom ständigen Aufwärtstrend: Wie Veränderung in Therapie wirklich passiert - Michaela Peschmann

Der Mythos vom ständigen Aufwärtstrend: Wie Veränderung in Therapie wirklich passiert

Vielleicht kennen Sie diese Vorstellung: Therapie verläuft Schritt für Schritt, jede Sitzung bringt eine kleine Verbesserung, und langsam, aber stetig geht es bergauf. So wird es oft beschrieben – und manchmal entsteht dadurch der Eindruck, mit einem selbst stimme etwas nicht, wenn es sich nicht so anfühlt.

Die gute Nachricht ist: Genau so verläuft Therapie in der Realität oft nicht. Und das ist völlig normal.

Viele Menschen erleben Phasen, in denen scheinbar nichts vorangeht. Zeiten, in denen Zweifel aufkommen oder man das Gefühl hat, festzustecken. Und dann – manchmal ganz unerwartet – gibt es plötzlich einen Moment, in dem sich etwas grundlegend verschiebt. Man reagiert anders als früher. Etwas, das immer schwer war, fühlt sich auf einmal leichter an. Oder ein alter Trigger verliert seine Macht.

Solche Entwicklungen sind kein Zufall und kein „Einzelfall“. Die Psychotherapieforschung zeigt: Bei rund 40 Prozent der erfolgreichen Therapien verläuft Veränderung nicht linear, sondern in Sprüngen. Diese plötzlichen, deutlichen Verbesserungen werden „Sudden Gains“ genannt – und sie können einen großen Teil des gesamten Therapieerfolgs ausmachen.

Wichtig zu wissen: Diese Durchbrüche passieren oft früh in der Therapie. Manchmal schon in den ersten Wochen.


Wie sich ein solcher Durchbruch anfühlen kann

Stellen Sie sich vor, Sie haben schon lange mit einem niedrigen Selbstwert zu kämpfen. Eine bestimmte Situation macht Ihnen regelmäßig Angst – zum Beispiel der Besuch bei einer sehr kritischen Mutter. Allein die Vorstellung davon löst Stress aus.

In der Therapie bereiten Sie sich gemeinsam auf diese Situation vor. Sie sprechen mögliche Kommentare durch, Ihre typischen Reaktionen, Ihre Gefühle. Vielleicht fühlt sich das erst einmal unspektakulär an.

Und dann passiert es: Die Situation tritt ein. Die abwertende Bemerkung kommt – wie erwartet. Aber diesmal reagieren Sie anders. Vielleicht merken Sie plötzlich, wie absurd oder vorhersehbar das Ganze ist. Vielleicht können Sie innerlich Abstand gewinnen. Vielleicht müssen Sie sogar kurz lachen.

Anstatt sich zu schämen oder zurückzuziehen, bleiben Sie bei sich.

Solche Momente können sich überraschend kraftvoll anfühlen. Viele Betroffene beschreiben sie als ein erstes echtes Gefühl von Selbstwirksamkeit: Ich kann etwas verändern. Ich bin dem nicht hilflos ausgeliefert.

Genau solche Erfahrungen führen oft zu diesen sprunghaften Verbesserungen – und sie bleiben häufig stabil.


Warum diese Momente so wichtig sind

Ein Durchbruch ist nicht „nur“ ein gutes Gefühl. Er kann zu einem inneren Wendepunkt werden.

Entscheidend ist, dass diese Erfahrungen bewusst wahrgenommen und eingeordnet werden. Nicht im Sinne von „Jetzt ist alles gut“, sondern eher:

  • Was habe ich hier anders gemacht als früher?

  • Was sagt das über meine Fähigkeiten aus?

  • Wo könnte ich das noch anwenden?

Wenn solche Fragen Raum bekommen, kann aus einem einzelnen Moment echte, nachhaltige Veränderung entstehen. Viele Menschen unterschätzen ihre eigenen Fortschritte – gerade dann, wenn sie plötzlich passieren.


Veränderung beobachten hilft – nicht kontrollieren

Manche Therapeut:innen nutzen kurze Fragebögen, um den Therapieverlauf sichtbar zu machen. Das ist kein Test und keine Bewertung, sondern eher wie ein inneres Navigationssystem.

Solche Rückmeldungen können zeigen:

  • wann es plötzlich deutlich besser wird,

  • wann sich etwas verschlechtert,

  • oder wann über längere Zeit alles gleich bleibt.

Auch das ist wichtig: Nicht jede Phase des Stillstands bedeutet Rückschritt. Manchmal braucht Veränderung einfach Zeit – oder einen neuen Fokus. Wenn es allerdings plötzlich schlechter geht, ist das ein wertvolles Signal, genauer hinzuschauen: Gibt es gerade besondere Belastungen? Unerledigte Konflikte? Zu viel Druck?

Therapie darf und soll sich anpassen.


Was Sie für sich mitnehmen können

Wenn Sie selbst in Therapie sind (oder darüber nachdenken), vielleicht diese Gedanken:

  • Veränderung ist selten eine gerade Linie. Rückschritte und Plateaus gehören dazu.

  • Frühe Verbesserungen sind möglich – und bedeutsam. Auch kleine, plötzliche Veränderungen zählen.

  • Ihr Erleben ist ein wichtiger Kompass. Sprechen Sie über gute wie über schwierige Phasen.

  • Durchbrüche darf man ernst nehmen – und würdigen. Sie sagen oft mehr über Ihre Fähigkeiten aus, als Sie denken.

Therapie ist kein gleichmäßiger Marsch, sondern eher eine Reise mit Wellen. Wenn diese Wellen – ob Aufschwung oder Einbruch – wahrgenommen und gemeinsam verstanden werden, kann der Weg nicht nur sicherer, sondern auch deutlich wirksamer werden.


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Alles Liebe,

deine Michaela

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