Das kölsche Grundgesetz und die Therapie
Warum elf Sätze aus dem Rheinland manchmal mehr bewegen als ein ganzer Fachvortrag
Es gibt diesen Moment in einer Sitzung, der schwer zu beschreiben ist. Die Klientin sitzt mir gegenüber, hat alles erklärt, alles geordnet, alles eingeordnet – und ist trotzdem keinen Millimeter weiter. Sie weiß, was los ist. Sie weiß, woher es kommt. Sie weiß sogar, was helfen würde. Sie kann es nur nicht tun.
In solchen Momenten passiert es manchmal, dass mir ein Satz herausrutscht, den ich nicht in der Ausbildung gelernt habe.
„Et hätt noch immer jot jejange.“
Sie schaut auf. Manchmal lacht sie. Manchmal weint sie. Manchmal beides gleichzeitig.
Und dann ist plötzlich Bewegung im Raum.
Eine Vorbemerkung, die wichtig ist
Ich bin gebürtige Kölnerin. Praktiziere aber seit Jahren in München. Das kölsche Grundgesetz – diese elf Paragrafen rheinischer Lebensweisheit – ist mit mir mitgewandert. Nicht als Folklore. Nicht als Heimatromantik. Sondern als ein erstaunlich präziser Satz von Beobachtungen darüber, wie das Leben funktioniert, wenn man aufhört, es kontrollieren zu wollen.
Bevor ich weiterschreibe, eine klare Einordnung. Damit kein Missverständnis entsteht.
Das kölsche Grundgesetz ist kein therapeutisches Werkzeug. Es ist keine Methode, keine Intervention, kein evidenzbasiertes Verfahren. Es steht in keinem Lehrbuch der Traumatherapie. Es ersetzt weder EMDR noch körperorientierte Verfahren noch eine sorgfältig aufgebaute therapeutische Beziehung.
Was es ist: Volksweisheit. Lebenserfahrung in elf Sätzen. Manchmal bitter, manchmal lakonisch, manchmal überraschend tief.
Wann ich es einsetze: Selten. Sehr bewusst. Nur, wenn die Beziehung zur Klientin trägt. Nur, wenn die Person stabil genug ist, um den feinen Humor darin nicht als Bagatellisierung zu erleben. Nur, wenn der Moment es ruft.
Wann ich es nicht einsetze: Wenn jemand in akuter Krise ist. Wenn Trauma sich gerade öffnet. Wenn die Person sich selbst noch nicht ernst nimmt – und ein leichter Satz dann wie ein „Stell dich nicht so an“ ankommen könnte. Wenn ich nicht sicher bin, dass die Klientin den Boden hat, auf dem ein solcher Satz stehen kann.
Das ist keine Küchenpsychologie. Das ist auch keine Methode. Das ist – wenn überhaupt – ein Türöffner. Und Türöffner funktionieren nur, wenn die Tür schon ein Stück weit offen steht.
Mit dieser Einordnung gehe ich jetzt durch alle elf Paragrafen. Nicht als Lehre. Sondern als Beobachtung darüber, wo sie im therapeutischen Prozess manchmal etwas berühren, das ein Fachbegriff nicht erreicht.
§ 1: Et es wie et es
Es ist, wie es ist.
In meiner Praxis kommt fast jede Klientin irgendwann an dem Punkt an, an dem sie eine Wahrheit über sich selbst nicht mehr umgehen kann. Dass die Mutter nicht warm war. Dass der Vater fehlte, obwohl er da war. Dass die Ehe nicht das ist, was sie sein sollte. Dass der Job, für den sie zwanzig Jahre gekämpft hat, sie aushöhlt.
Und dann beginnt das, was ich oft die zweite Schicht des Schmerzes nenne. Nicht der Schmerz über das, was ist. Sondern der Schmerz darüber, dass es so ist.
Sie verhandelt. Sie sucht Erklärungen. Sie überlegt, ob sie es nicht doch hätte verhindern können. Sie macht sich Vorwürfe. Sie macht anderen Vorwürfe. Sie dreht den Satz hin und her – und merkt nicht, dass das Drehen mehr Energie kostet als das, was sie zu drehen versucht.
Et es wie et es.
Dieser Satz ist therapeutisch betrachtet eine Form von Akzeptanzarbeit. Er ist verwandt mit dem, was in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie als radikale Akzeptanz beschrieben wird. Mit dem, was in der buddhistisch geprägten Achtsamkeitsarbeit non-resistance heißt. Mit dem, was Carl Rogers gemeint hat, als er von bedingungsloser Wertschätzung sprach – auch sich selbst gegenüber.
Akzeptanz ist nicht Einverstandensein. Sie ist nicht Resignation. Sie ist auch keine Aufforderung, alles weiter so hinzunehmen.
Akzeptanz heißt: Ich höre auf, gegen das anzukämpfen, was bereits passiert ist. Erst dann habe ich die Energie, etwas zu verändern, was sich verändern lässt.
Du verbrauchst deine Kraft darauf, dass es nicht so ist. Sie wäre besser darauf verwendet, mit dem zu arbeiten, was tatsächlich da ist.
§ 2: Et kütt wie et kütt
Es kommt, wie es kommt.
Hochfunktionale Frauen – meine Hauptklientel – haben oft eine besondere Beziehung zur Kontrolle. Sie kontrollieren nicht aus Bösartigkeit. Sie kontrollieren aus Erfahrung. Irgendwann in ihrem Leben war ein Umfeld so unzuverlässig, so unberechenbar, so kippend, dass Kontrolle zur Überlebensstrategie wurde.
Sie haben gelernt, drei Schritte vorauszudenken. Sie haben gelernt, jede mögliche Variante eines Gesprächs zu antizipieren. Sie haben gelernt, am Sonntagabend schon zu wissen, wie der Mittwoch wird.
Das hat sie weit gebracht. In den Job. In die Verantwortung. In Positionen, in denen andere zu ihnen aufschauen.
Und das macht sie müde. So müde, dass sie irgendwann nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen, weil sie seit Jahren nur noch antizipieren, was kommen könnte.
Et kütt wie et kütt.
Therapeutisch ist das eine Einladung, die Illusion der vollständigen Kontrolle loszulassen. Nicht die sinnvolle Vorbereitung. Nicht die Verantwortung. Sondern die hyperwachsame Daueranspannung, die das Nervensystem auf Habacht hält, auch wenn längst keine Gefahr mehr da ist.
Das Nervensystem kennt keine Zeit. Es reagiert auf heute wie auf damals. Wer als Kind nicht wissen konnte, ob heute Abend Schreien sein wird oder Schweigen, der lernt zu rechnen. Und wer rechnen lernt, hört nicht einfach wieder auf, nur weil das Leben jetzt anders ist.
Loslassen ist deshalb keine moralische Größe. Es ist eine Fertigkeit, die das Nervensystem üben darf. Langsam. Mit Sicherheit. Mit Erfahrungen, die zeigen: Es geht auch, wenn ich nicht alles voraussehe.
Manchmal hilft der Satz. Nicht als Aufforderung. Sondern als Erlaubnis.
§ 3: Et hätt noch immer jot jejange
Es ist noch immer gut gegangen.
Das ist mein heimliches Lieblingsgrundgesetz. Und gleichzeitig das, mit dem ich am vorsichtigsten bin.
Denn er kann zwei Dinge bedeuten. In der falschen Sekunde gesagt, klingt er wie eine Verharmlosung. Wie ein „Ach, du übertreibst doch“. Wie das, was die Mutter gesagt hat, als das Kind weinte.
In der richtigen Sekunde gesagt, ist er etwas anderes. Er ist ein Zeugnis. Ein Beleg. Ein Erinnern.
„Schau“, sagt dieser Satz, „du sitzt hier. Du atmest. Du bist nicht zerbrochen, obwohl du zerbrechen hättest können.“
Therapeutisch berührt das ein zentrales Konzept der Traumatherapie: Resilienz. Die Fähigkeit, sich wiederherzustellen. Nicht heil zu werden im Sinne von „nichts ist passiert“. Sondern lebendig zu bleiben, obwohl etwas passiert ist.
Resilienz ist nicht angeboren. Sie wächst. Sie wächst durch Erfahrungen, durch Beziehungen, durch Momente, in denen jemand das Kind oder die Erwachsene gehalten hat, als es schwer wurde. Sie wächst aber auch durch das stille Gewahrwerden: Ich bin noch da. Trotzdem. Immer noch.
Manchmal sage ich diesen Satz nicht selbst. Manchmal frage ich nur. „Wie viele Krisen haben Sie schon überstanden?“ Und dann kommt das Aufzählen. Und dann kommt das Staunen. Und manchmal kommt zum ersten Mal seit langem etwas, das aussieht wie Stolz.
Du hast überlebt. Das ist kein kleines Wort.
§ 4: Wat fott es, es fott
Was weg ist, ist weg.
Trauer ist die unbequemste Bewohnerin meiner Praxis. Sie kommt nicht, wenn man sie ruft. Sie geht nicht, wenn man sie wegschickt. Sie macht sich breit, wenn niemand sie eingeladen hat – und sie verschwindet, wenn man sich gerade auf sie eingestellt hat.
Viele meiner Klientinnen kommen mit etwas, das auf den ersten Blick wie ein anderes Problem aussieht. Erschöpfung. Reizbarkeit. Schlaflosigkeit. Erst nach Wochen oder Monaten zeigt sich, was eigentlich da ist: eine unverarbeitete Trauer. Um einen Menschen. Um eine Lebensphase. Um ein Bild von sich selbst, das nicht mehr stimmt. Um eine Beziehung, die nie war, was sie hätte sein sollen.
Wat fott es, es fott.
Das klingt hart. Es ist es nicht. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Trauer überhaupt arbeiten kann.
In der Traumatherapie gibt es ein Konzept, das ambiguous loss genannt wird – mehrdeutiger Verlust. Es beschreibt den Zustand, in dem etwas nicht mehr da ist, aber auch nicht eindeutig weg. Die Mutter, die noch lebt, aber nie zugewandt war. Die Ehe, die formal noch besteht, aber innerlich beendet ist. Die Karriere, die offiziell weiterläuft, aber den Sinn verloren hat.
Dieser uneindeutige Zustand macht Trauer unmöglich. Wer nicht klar verlieren kann, kann nicht klar betrauern. Wer nicht klar betrauern kann, kann nicht klar weitergehen.
Manchmal ist die wichtigste Arbeit in einer Therapie deshalb, etwas als verloren anzuerkennen. Nicht den Menschen. Sondern die Hoffnung, dass dieser Mensch noch wird, was er nie war.
Das ist ein leiser, schwerer Satz. Aber er ist auch ein Befreiungssatz. Denn solange du auf die Veränderung von etwas wartest, das nicht mehr veränderbar ist, kannst du dein eigenes Leben nicht beginnen.
§ 5: Et bliev nix wie et wor
Es bleibt nichts, wie es war.
Hier wird es interessant. Denn dieser Paragraf scheint dem ersten zu widersprechen. Er tut es nicht. Er ergänzt ihn.
§ 1 sagt: Akzeptiere, was ist. § 5 sagt: Aber rechne damit, dass es sich verändern wird.
Das ist die Bewegung des Lebens. Stillstand und Wandel als zwei Seiten derselben Wahrheit.
Viele meiner Klientinnen haben Angst vor Veränderung. Nicht weil sie unflexibel wären. Sondern weil Veränderung in ihrer frühen Erfahrung selten ein Versprechen war, sondern eine Bedrohung. Wenn das Zuhause unsicher war, ist jede Veränderung erst einmal Gefahr. Wenn die ersten Erfahrungen mit Übergängen schmerzhaft waren – Trennungen, Umzüge, Verluste, ohne dass jemand das Kind dabei begleitet hat – dann lernt das Nervensystem: Veränderung tut weh.
Diese Spur zieht sich durch das Leben. Erwachsene Frauen, die sich gegen den Wechsel des Jobs sträuben, obwohl der alte sie krank macht. Die in Beziehungen bleiben, in denen längst nichts mehr lebt. Die die Wohnung nicht renovieren, obwohl sie sich nicht mehr wohlfühlen. Nicht aus Bequemlichkeit. Aus Selbstschutz.
Et bliev nix wie et wor.
Therapeutisch ist das eine Einladung, Veränderung neu kennenzulernen. Nicht als Bedrohung. Als Bewegung, die immer schon da ist, ob wir mitgehen oder nicht.
Eine meiner Klientinnen hat es einmal so beschrieben: „Ich dachte immer, ich müsste mich vor der Veränderung schützen. Jetzt verstehe ich, dass die Veränderung sowieso passiert. Ich kann nur entscheiden, ob ich darin atme oder die Luft anhalte.“
Genau das.
§ 6: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet
Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit.
Dieser Paragraf hat von allen den meisten Augenzwinker-Faktor. Er ist die rheinische Variante der Selbstabgrenzung. Und er ist – wenn man ihn ernst nimmt – ein erstaunlich gesunder Satz.
Hochfunktionale Frauen haben oft das Gegenteil verinnerlicht. Sie probieren alles. Sie sind offen für alles. Sie geben jedem eine Chance, und dann noch eine, und dann noch eine. Sie nehmen jede neue Anforderung an, jede neue Methode, jedes neue Tool, jeden neuen Trend. Sie sind erschöpft, aber sie wollen nicht verschlossen wirken.
Verschlossenheit ist in unserer Kultur fast ein Schimpfwort geworden. Du sollst offen sein. Aufgeschlossen. Empfänglich. Und ja – das hat seine Berechtigung.
Aber ein Nervensystem, das alles aufnimmt, was kommt, ist nicht offen. Es ist überlastet.
Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.
Therapeutisch übersetzt: Das ist eine Form von Filter. Von gesundem „Nein“. Von der Erlaubnis, nicht alles probieren zu müssen, was angeboten wird. Nicht jede Beziehung weiterzuführen, die schon mal entstanden ist. Nicht jedes Hobby zu pflegen, das man mal angefangen hat. Nicht jede Einladung anzunehmen, die im Kalender steht.
In der Polyvagal-Theorie wird beschrieben, wie ein gut reguliertes Nervensystem zwischen Annäherung und Abgrenzung wechseln kann. Beides ist gesund. Wer immer nur annähert, verliert sich. Wer immer nur abgrenzt, vereinsamt. Die Bewegung dazwischen ist das, was Lebendigkeit ausmacht.
Du darfst Dinge weglassen. Auch Dinge, die andere wichtig finden. Auch Dinge, die du selbst mal wichtig gefunden hast.
Du musst nicht alles verstehen, was kommt. Manchmal ist das gesündeste, was du tun kannst, etwas links liegen zu lassen.
§ 7: Wat wells de maache?
Was willst du machen?
Dieser Paragraf wird oft missverstanden. Er ist nicht resignativ. Er ist auch nicht „Da kannst du eh nichts machen“. Er ist – richtig gehört – eine Einladung in die Selbstverantwortung.
In meiner Praxis sehe ich oft Klientinnen, die in einer Endlosschleife der Klage feststecken. Nicht weil sie klagen wollen. Sondern weil sie nicht wissen, wo der Ausgang ist. Sie beschreiben ihren Mann, der nicht zuhört. Den Chef, der ausnutzt. Die Mutter, die immer noch verletzt. Das Kind, das nicht macht, was es soll.
Das alles ist real. Das alles ist wichtig. Das alles darf benannt werden.
Und gleichzeitig kommt irgendwann der Moment, an dem die Klage zur Sackgasse wird. Wo die Beschreibung des Problems das Problem selbst geworden ist.
Wat wells de maache?
Übersetzt heißt das: Du hast die Situation erkannt. Du hast sie verstanden. Was möchtest du jetzt damit anfangen?
Therapeutisch ist das der Übergang von der Einsicht zur Bewegung. Beide brauchen einander. Einsicht ohne Bewegung ist nur Schmerz mit besserer Sprache. Bewegung ohne Einsicht ist hektisches Aktionismus, der nichts verändert.
Die Frage „Was willst du machen?“ ist eine Würdigung der Selbstwirksamkeit. Sie sagt: Du bist nicht hilflos. Du hast Optionen. Vielleicht nicht alle. Vielleicht nicht die, die du gerne hättest. Aber du hast welche.
Und manchmal ist die Antwort: „Nichts.“ Auch das ist eine Antwort. Auch das ist eine Wahl.
Was nicht funktioniert: weiter klagen, ohne zu wählen.
§ 8: Maach et joot, ävver nit ze off
Mach es gut, aber nicht zu oft.
Dieser Satz ist auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten ist er eine kleine Gebrauchsanweisung gegen Burnout.
Hochfunktionale Frauen machen es gut. Das ist ihre Stärke. Sie machen es so gut, dass sie unverzichtbar werden. Sie machen es so gut, dass die Erwartungen steigen. Sie machen es so gut, dass sie selbst nicht mehr wissen, wo die Latte eigentlich war, bevor sie sie höher gelegt haben.
Aber sie machen es zu oft.
Sie machen es im Beruf. Sie machen es in der Familie. Sie machen es bei Freundinnen. Sie machen es im Verein. Sie machen es bei den Eltern, die alt werden. Sie machen es bei den Kindern, die heranwachsen. Sie machen es bei sich selbst – die einzige Stelle, an der sie es nicht zu oft machen würden, sondern viel zu selten.
Maach et joot, ävver nit ze off.
Therapeutisch ist das eine Einladung in die Frage nach den eigenen Ressourcen. Nicht im Sinne von „Wo kannst du Energie holen“. Sondern im Sinne von „Wo gibst du sie aus, ohne dich zu fragen, ob das gerade richtig ist“.
Die meisten meiner Klientinnen haben nie gelernt, nein zu sagen, ohne sich schuldig zu fühlen. Sie haben gelernt, immer verfügbar zu sein. Immer kompetent. Immer bereit.
Und sie verwechseln Selbstwirksamkeit mit Selbstaufgabe.
Es gut zu machen ist gut. Es immer zu machen ist Selbstausbeutung. Der Unterschied liegt im manchmal nicht.
Manchmal nicht antworten. Manchmal nicht helfen. Manchmal nicht da sein. Nicht aus Egoismus. Aus Selbsterhaltung.
Du darfst gut sein. Du musst nicht ständig gut sein.
§ 9: Wat soll dä Käu?
Was soll der Quatsch?
Dieser Paragraf ist für mich der vielleicht wichtigste in der Arbeit mit hochfunktionalen Klientinnen. Denn er stellt eine Frage, die viele von ihnen nie gestellt haben: Stimmt das eigentlich, was du dir gerade erzählst?
Innere Glaubenssätze sind hartnäckig. Sie sind oft so früh entstanden, dass sie sich nicht mehr wie Glaubenssätze anfühlen, sondern wie Wahrheit. „Ich darf keine Fehler machen.“ „Ich muss alles selbst regeln.“ „Wenn ich ehrlich bin, werde ich verlassen.“ „Wenn ich Schwäche zeige, verliere ich Respekt.“
Diese Sätze haben einmal eine Funktion gehabt. Sie haben das Kind durch ein Umfeld getragen, in dem sie überlebenswichtig waren. Sie sind nicht falsch. Sie sind nur veraltet.
Das Nervensystem hat aber kein Verfallsdatum eingebaut. Es behält, was sich einmal als nützlich erwiesen hat. Und so führen Frauen Mitte 40 noch immer das Drehbuch ihrer 8-jährigen Selbst auf – ohne zu merken, dass die Bühne längst eine andere ist.
Wat soll dä Käu?
Therapeutisch ist das eine Einladung zur kognitiven Umstrukturierung. Aber bitte nicht im akademischen Sinne. Sondern in der ironisch-warmen Form, die der rheinische Satz mitbringt. Es ist nicht: „Du irrst dich, das ist eine Verzerrung.“ Es ist: „Komm schon, mal ehrlich – glaubst du das wirklich noch?“
Diese Form des Befragens funktioniert nur, wenn die Beziehung trägt. Sie ist nicht für jeden geeignet. Wer sich gerade nicht ernstgenommen fühlt, der erlebt sie als Abkanzelung. Wer sich gehalten weiß, der kann darin atmen.
Und manchmal lacht eine Klientin auf, wenn sie ihre eigenen Glaubenssätze laut hört. Und in diesem Lachen liegt der Anfang einer Distanz. Und Distanz ist die Voraussetzung dafür, etwas verändern zu können.
Du musst nicht alles glauben, was du denkst.
§ 10: Drinkste eine met?
Trinkst du einen mit?
Hier wird es kollektiv. Die ersten neun Paragrafen drehen sich um das Innere. Dieser zehnte öffnet die Tür nach draußen.
Bindung heilt. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der modernen Traumaforschung. Was in Beziehung verletzt wurde, kann nur in Beziehung wieder genesen. Nicht allein. Nicht mit der besten Selbsthilfeliteratur. Nicht durch Disziplin.
In Beziehung.
Viele meiner Klientinnen sind erstaunlich einsam. Nicht im offensichtlichen Sinne. Sie haben Familie, sie haben Kollegen, sie haben Freundinnen. Sie haben oft mehr Kontakte als sie verwalten können.
Was sie nicht haben: Menschen, mit denen sie sich gezeigt haben.
Sie funktionieren in Beziehungen. Sie kümmern sich. Sie organisieren. Sie sind die Verlässliche, die Starke, die Belastbare. Aber sie sind nicht die, die sich an einen Tisch setzt und sagt: „Mir geht’s gerade nicht gut. Bleib mal kurz bei mir.“
Drinkste eine met?
Übersetzt: Du musst das nicht alleine tragen. Es gibt Menschen. Du darfst dich zeigen. Du darfst angewiesen sein. Du darfst die sein, die mal nicht trägt.
Therapeutisch betrifft das das Konzept der korrektiven Beziehungserfahrung. Was in der ursprünglichen Bindung gefehlt hat, kann durch neue Beziehungserfahrungen nachgenährt werden. Nicht im Sinne einer Reparatur. Im Sinne einer Erweiterung. Du hast als Kind gelernt, dass du nicht zeigen darfst, wie es dir geht. Du kannst als Erwachsene lernen, dass es Menschen gibt, bei denen du es darfst.
Manchmal ist die Therapie selbst diese Erfahrung. Oft ist es das, was außerhalb der Therapie passiert, wenn die Klientin in ihre Beziehungen zurückgeht und sie neu betritt.
Du musst nicht alles alleine machen. Das war vielleicht früher nötig. Heute ist es eine Wahl.
§ 11: Do laachs de disch kapott
Da lachst du dich kaputt.
Der elfte Paragraf wird oft vergessen. Manche Listen haben nur zehn. Aber er gehört dazu. Und er gehört zu meinen Lieblingen.
Humor ist nicht das Gegenteil von Schmerz. Humor ist eine Form, mit Schmerz umzugehen, ohne von ihm verschluckt zu werden. Humor ist – neurobiologisch betrachtet – eine Regulationsstrategie. Er entlastet das Nervensystem. Er verbindet. Er schafft Distanz, ohne zu entfremden.
In meiner Arbeit gibt es Momente, in denen wir lachen. Nicht über Klientinnen. Mit ihnen. Über die Absurdität dessen, was Familien an Sätzen produziert haben. Über die Bizarrerie alter Glaubenssätze, wenn man sie laut hört. Über das eigene Drehbuch, das plötzlich seine komische Seite zeigt.
Diese Momente sind nicht oberflächlich. Sie sind tief. Sie sind oft ein Zeichen, dass etwas wirklich in Bewegung ist. Dass die Klientin nicht mehr nur Opfer ihrer Geschichte ist, sondern Erzählerin geworden. Dass sie aus dem heraussteigen kann, ohne es zu verleugnen.
Do laachs de disch kapott.
Übersetzt: Auch im Schwersten gibt es Risse, durch die das Licht fällt. Auch im Festgefahrensten gibt es Stellen, an denen plötzlich etwas Komisches sichtbar wird.
Wer in der Therapie nie lacht, ist nicht weiter. Wer in der Therapie zu früh lacht, ist nicht echt. Aber wer im richtigen Moment lacht, der ist auf dem Weg.
Zum Schluss: Warum ich das überhaupt erzähle
Du hast jetzt elf Paragrafen gelesen. Elf rheinische Sätze, jeder eingebettet in einen therapeutischen Kontext. Vielleicht hast du dich in dem einen oder anderen wiedererkannt. Vielleicht hat dich einer geärgert. Vielleicht hat einer dich berührt.
Was ich nicht möchte, dass du daraus mitnimmst: dass das die Lösung ist.
Das kölsche Grundgesetz ist keine Therapie. Lebensweisheit ersetzt keine professionelle Begleitung, wenn etwas in dir wirklich an die Oberfläche möchte. Wer ein Trauma trägt, braucht mehr als einen schönen Satz. Wer in einer Krise steckt, braucht eine Beziehung, in der er sich zeigen kann.
Was ich aber zeigen wollte: Dass therapeutische Arbeit nicht steril ist. Dass sie nicht nur in Fachsprache stattfindet. Dass das Wissen über das Leben, das in der Volksweisheit steckt, oft präziser ist, als wir denken.
Und dass es Momente gibt, in denen ein leiser Satz aus dem Rheinland mehr bewegt als ein Lehrbuchabschnitt.
Nicht weil der Satz die Arbeit macht. Sondern weil er manchmal eine Tür öffnet, durch die die Arbeit überhaupt erst hindurchgehen kann.
Wenn du das gerade liest und denkst: Ja, an einem dieser Paragrafen ist etwas, das mich angeht – dann ist das vielleicht genau die Tür, von der ich spreche.
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