Hero image with a German quote about menopause and work life: 'Die Frauen, die gehen, ohne zu kündigen.' by Michaela Peschmann.

Die Frauen, die gehen, ohne zu kündigen
Warum die Wechseljahre längst ein Wirtschaftsfaktor sind – und in kaum einem Unternehmen mitgedacht werden

Es gibt diesen Moment im Meeting. Sie kennt die Zahlen, sie hat die Präsentation selbst gebaut, sie hat solche Runden hundertmal geführt. Und dann fehlt ein Wort. Ein ganz normales Wort, sie benutzt es seit zwanzig Jahren. Es ist einfach nicht da. Sie überbrückt, formuliert um, lächelt. Niemand merkt etwas.

Sie merkt es.

In der Nacht davor lag sie um drei Uhr wach, ohne Grund, das Herz zu schnell für die Uhrzeit. Am Morgen hat sie im Bad kurz überlegt, ob sie müde aussieht, und beschlossen, dass heute kein Tag für diese Frage ist. Abends dann, im Auto auf dem Heimweg, stellt sie sich doch eine – zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Berufsjahren: ob sie dem allem noch
gewachsen ist.

Sie ist es. Aber das weiß sie in diesem Moment nicht. Und ihr Unternehmen weiß nicht einmal, dass diese Frage gerade gestellt wird. In diesem Auto. Und in ein paar Millionen anderen.

Neun Millionen Frauen. Und ein Thema, das in keinem Meeting vorkommt.

In Deutschland sind rund neun Millionen Frauen mitten in den Wechseljahren. Über sieben Millionen von ihnen sind erwerbstätig – viele in genau den Positionen, für die man zwanzig Jahre Erfahrung braucht: Führung, Projektverantwortung, Kundenbeziehungen, das Wissen, dass in keinem Handbuch steht und in keinem Übergabeprotokoll Platz findet.

Die MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin hat 2023 zum ersten Mal deutschlandweit erhoben, was in dieser Lebensphase beruflich passiert. Mehr als jede zehnte Frau geht wegen der Beschwerden früher in den Ruhestand. Ab 55 ist es jede fünfte. Rund ein Viertel reduziert die Arbeitszeit. Manche schlagen Beförderungen aus – leise, mit guten Begründungen, die mit dem eigentlichen Grund nichts zu tun haben. Und:

Nur vier Prozent der befragten Frauen sagen, dass ihre Führungskraft sich mit dem Thema auch nur ansatzweise auskennt.

Eine neuere Untersuchung, die Studie „Wechseljahre und Leadership” der Healthcare Frauen, hat sich gezielt Führungskräfte angesehen. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen in Führungspositionen berichtet von spürbaren Leistungseinbußen. Fast vierzig Prozent haben ihre Arbeitszeit reduziert oder die Position gewechselt. Die Krankenkasse DAK ergänzt das Bild: Fast jede dritte berufstätige Frau fühlt sich durch die Wechseljahre im Job beeinträchtigt. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden auf Milliardenbeträge geschätzt – jedes Jahr.

Das Bemerkenswerte an diesen Zahlen ist nicht ihre Höhe. Es ist, dass sie nirgendwo auftauchen. In keinem Exit-Gespräch steht „Wechseljahre”. Da steht „berufliche Neuorientierung”, „mehr Zeit für die Familie”, „persönliche Gründe”. Die Statistik hat viele Namen, nur nicht ihren eigenen.

Und das alles geschieht in einem Land, das über nichts so ausdauernd klagt wie über den Fachkräftemangel. Es werden Anwerbeprogramme aufgelegt, Prämien gezahlt, Headhunter beauftragt – während im eigenen Haus die erfahrenste Gruppe von Mitarbeiterinnen leise die Tür sucht. Man muss sich dieses Paradox einmal in Ruhe ansehen: Draußen wird
gesucht, was drinnen gerade geht.

Wenn ein Unternehmen auf diesem Weg Maschinen verlöre, gäbe es eine Taskforce. Hier gibt es ein Schweigen.

Warum niemand darüber spricht

Das Schweigen hat System, und es hat zwei Schichten.

Die erste ist alt und betrifft alle: Der Körper hat im Berufsleben nichts verloren. Man bringt ihn mit, weil es nicht anders geht, aber er hat sich unauffällig zu verhalten. Diese Norm wurde in Jahrzehnten geprägt, in denen die Prototypen für Führung Männer waren, deren Körper – zumindest offiziell – nie etwas wollten.

Die zweite Schicht ist spezifischer und härter. Wechseljahre verbinden zwei Themen, über die Frauen im Beruf gelernt haben, besser nicht zu sprechen: Weiblichkeit und Altern. Eine Frau, die mit Ende vierzig sagt „Ich schlafe seit Monaten schlecht”, fürchtet nicht zu Unrecht, dass daraus etwas anderes gehört wird: Sie kann nicht mehr. Also sagt sie nichts.

Und arbeitet härter, um zu beweisen, dass die Angst unbegründet ist.

Das Bittere daran: Es trifft ausgerechnet die Frauen, die ihr Leben lang gelernt haben, keine Umstände zu machen. Die schon als Kind wussten, wann man besser nichts sagt. Für sie ist das Schweigen im Büro keine neue Anstrengung. Es ist ein sehr altes Muster, das ein weiteres Mal seinen Dienst tut – und diesmal einen hohen Preis verlangt.

Was da wirklich passiert – und warum es die Erfahrensten am härtesten trifft

Man könnte jetzt über Hormone sprechen. Über Östrogen, das sinkt, über Schlaf, der brüchig wird, über Hitzewellen mitten in der Budgetrunde, über ein Gedächtnis, das plötzlich Lücken lässt, wo nie welche waren. Das alles stimmt, und es ist real. Wer es erlebt, weiß, dass „Befindlichkeit” das falsche Wort dafür ist.

Aber die Hormone allein erklären nicht, warum diese Phase ausgerechnet die Frauen so hart trifft, die vorher als unerschütterlich galten.

Ich sehe in meiner Praxis oft eine andere Geschichte darunter. Viele dieser Frauen haben früh gelernt zu funktionieren. Verlässlich sein, vorausdenken, keine Umstände machen. Ein Nervensystem, das seit Jahrzehnten in leiser Daueranspannung arbeitet – und das sehr gut geworden ist darin, diese Anspannung zu verstecken. Auch vor sich selbst. Vor allem vor
sich selbst.

Jahrzehntelang gab es dafür einen Puffer. Körperliche Reserven, hormonelle Stabilität, die Fähigkeit, eine schlechte Nacht mit Willenskraft auszugleichen und einen schweren Tag mit dem nächsten Kaffee. Der Puffer war so verlässlich, dass er unsichtbar blieb. Man bemerkt eine Stoßdämpfung erst, wenn sie fehlt.

In den Wechseljahren wird dieser Puffer dünner. Nicht die Kompetenz geht verloren. Die Fähigkeit zu kompensieren geht verloren.

Das ist der Unterschied, an dem alles hängt. Die Frau im Meeting hat nicht verlernt zu denken. Ihr Körper hat aufgehört, die Rechnung zu stunden. Was sie jetzt spürt – die Erschöpfung, die Dünnhäutigkeit, die Anspannung, die nicht mehr weicht –, ist nicht neu entstanden. Es war immer da. Sie konnte es nur nicht fühlen, weil sie so beschäftigt damit
war, es zu tragen.

Deshalb erleben viele Frauen diese Jahre nicht als hormonelle Umstellung, sondern als Erschütterung ihrer Identität. Die Strategie, die ein ganzes Berufsleben getragen hat – mehr leisten, weniger zeigen –, funktioniert plötzlich nicht mehr. Und weil niemand darüber spricht, ziehen viele den falschen Schluss: dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Dabei stimmt etwas mit einer Arbeitswelt nicht, in der neun Millionen Frauen eine der einschneidendsten körperlichen Veränderungen ihres Lebens durchlaufen – und so tun müssen, als sei nichts.

Was Unternehmen verlieren, ist nicht Arbeitskraft. Es ist Gedächtnis.

Wenn eine Frau mit 54 die Stunden reduziert oder mit 57 vorzeitig geht, verschwindet nicht eine Stelle aus dem Organigramm. Es verschwindet das Wissen darüber, warum der wichtigste Kunde vor acht Jahren fast gekündigt hätte. Die Beziehung, die ein schwieriges Projekt zusammengehalten hat. Der Blick, der in einer Bewerbungsrunde die eine Person
erkennt, die passt. Die Ruhe, die eine erfahrene Führungskraft in einen Raum bringt, in dem alle anderen nervös sind.

Rekrutierung kann eine Stelle nachbesetzen. Sie kann kein Gedächtnis nachbesetzen. Und sie ist teuer: Eine Führungsposition neu zu besetzen kostet je nach Rechnung ein halbes bis anderthalbfaches Jahresgehalt – Einarbeitung, Reibungsverluste und verlorene Kundenbeziehungen nicht mitgezählt. Verglichen damit ist das, was Unterstützung in den Wechseljahren kosten würde, ein Rundungsfehler.

Einige Unternehmen haben das verstanden. Vodafone hat eine globale Menopause-Policy eingeführt, mit flexiblen Arbeitszeiten, Schulungen für Führungskräfte und medizinischer Beratung. SAP hat das Thema in seine Gesundheitsprogramme aufgenommen. In Großbritannien haben sich Tausende Unternehmen einer nationalen Strategie angeschlossen, um Frauen in dieser Lebensphase zu halten.

In Deutschland ist das noch die Ausnahme. Dabei ist das, was Frauen sich laut allen Erhebungen wünschen, erstaunlich unspektakulär: Führungskräfte, die Bescheid wissen. Arbeitszeiten, die atmen können. Und die Möglichkeit, einen Satz zu sagen wie „Ich habe gerade eine anstrengende Phase” – ohne dass daraus eine Akte wird.

Mitdenken heißt dabei nicht, ein weiteres Wohlfühlprogramm aufzusetzen. Es heißt, die Wechseljahre dort zu verorten, wo sie wirtschaftlich hingehören: neben Elternzeit und Wiedereinstieg, als ganz normale Lebensphase, die Personalarbeit berücksichtigt, ohne ein Drama daraus zu machen. Unternehmen haben gelernt, dass Menschen Kinder bekommen. Sie werden auch lernen können, dass Frauen fünfzig werden.

Kein Ruheraum der Welt hilft, wenn die Kultur verlangt, dass Erschöpfung unsichtbar bleibt.

Was hilft, ist billiger und schwieriger zugleich: ein Klima, in dem der Satz von eben gesagt werden kann. Das kostet fast nichts. Das Schweigen kostet Milliarden.

Und wenn du gerade selbst mittendrin bist

Vielleicht liest du das nicht als Personalerin, sondern als die Frau im Meeting. Dann möchte ich dir einen Gedanken dalassen, der in keiner Studie steht.

Was du gerade erlebst, ist kein Nachlassen. Es ist das Ende einer stillen Vereinbarung, die du irgendwann mit dir getroffen hast: dass du alles trägst und es niemanden etwas kostet außer dich. Dein Körper kündigt diese Vereinbarung. Nicht, weil du schwächer wirst. Sondern weil er nicht mehr bereit ist, die Anspannung zu verstecken, die schon lange da
war.

Das fühlt sich zunächst an wie ein Verlust. Manchmal ist es der Anfang von etwas Ehrlicherem.

Wenn du magst, probier in den nächsten Tagen etwas Kleines aus. Nimm dir einen Moment – im Auto, bevor du aussteigst, reicht völlig – und frag dich nicht „Was muss ich noch schaffen?”, sondern „Was hat mich das heute gekostet?”. Nur wahrnehmen. Nichts ändern, nichts vornehmen, keine Konsequenzen ziehen. Es geht erst einmal nur darum, dass die Rechnung, die dein Körper dir zeigt, gelesen wird. Von dir.

Vielleicht merkst du dabei etwas, das viele Frauen in meiner Praxis irgendwann sagen: dass sie nie zu schwach waren für ihren Job. Der Preis war nur zu lange unsichtbar.

Und vielleicht ist genau das die Aufgabe dieser Lebensphase – für dich wie für die Unternehmen, die gerade neun Millionen Mal Gelegenheit haben, sie zu verstehen: nicht schneller zu reparieren, was sichtbar wird. Sondern endlich hinzusehen, was es trägt.

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Alles Liebe,

deine Michaela

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Quellen:

  • MenoSupport-Studie, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, 2023 (Frühverrentung, Arbeitszeitreduktion, 4-Prozent-Wert zu Führungskräften)
  • Studie „Wechseljahre und Leadership”, Healthcare Frauen e.V., 2025 (51,9 % Leistungseinbußen, 38,8 % Arbeitszeitreduktion/Positionswechsel, Milliardenkosten)
  • DAK: fast jede dritte berufstätige Frau fühlt sich durch die Wechseljahre im Job beeinträchtigt
  • Menopause-Programme: Vodafone (globale Policy), SAP (Gesundheitsprogramme), britische Menopausenstrategie
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